Tudora: Ein kleines Dorf wird zum Zufluchtsort

 

Im Februar 2022 begann der grausame Krieg Russlands gegen die Ukraine. Millionen von Menschen flüchteten in die Nachbarländer, z. B. in die Republik Moldau. Yana (5) floh mit ihrer Familie aus Odessa.

Moldau ist eines der ärmsten Länder in Europa. Trotzdem nahmen die Menschen die geflüchteten Familien mit offenen Armen auf. Die Kindernothilfe arbeitete bisher nicht mit Partnern in diesem Teil Europas zusammen. Doch angesichts der großen Not wurden auch wir aktiv. In der Organisation CONCORDIA haben wir einen starken Partner gefunden, der seit Jahren in Moldau arbeitet. Pressesprecherin Katharina Wagner vom österreichischen Zweig der Organisation besuchte Anfang April ein Projekt in Tudora, das wir jetzt unterstützen. 

Text: Katharina Wagner, CONCORDIA Sozialprojekte, Fotos: Benjamin Kaufmann für CONCORDIA Sozialprojekte 

Seit Beginn des Krieges fliehen Tausende Menschen über den kleinen Grenzübergang in Palanca nach Moldau, einem der ärmsten Länder Europas. Tudora, ein Dorf keine zehn Kilometer von hier entfernt, wird zum ersten Hoffnungsschimmer für sie. Im CONCORDIA-Zentrum nehmen Mitarbeitende aus Moldau und viele Freiwillige aus der Bevölkerung sie in Empfang. Nach oft stundenlangem Warten kommen sie völlig unterkühlt und erschöpft hier an und werden erst einmal mit heißem Tee und einer warmen Mahlzeit versorgt. Die Helferinnen und Helfer vermitteln Unterkünfte für diejenigen, die bleiben wollen, sie organisieren Fahrten in die Hauptstadt Chișinău oder wohin auch immer für die anderen, die wegwollen. Sie setzen sich auch selbst ins Auto und bringen die traumatisierten Menschen zur nächsten Station ihrer Flucht.

Verteilung von Lebensmitteln und Getränken an der Grenze (Quelle: Benjamin Kaufmann für CONCORDIA Sozialprojekte)

Verteilung von Essen, Getränken und Spielzeug an der Grenze (Quelle: Benjamin Kaufmann für CONCORDIA Sozialprojekte)

Mittlerweile sind fast 440.000 Menschen (Stand 26. April) in Moldau angekommen. Etwa jede/jeder Vierte ist hiergeblieben. Die Geflüchteten sagen: „Wir wollen nicht weiter weggehen aus der Grenzregion, wir wollen wieder zurück nach Hause, sobald alles vorbei ist!“ Odessa, Mariupul, Mykolajiw, so heißen ihre Heimatstädte, und dort wollen sie auch wieder hin.

Tudora; die Hügelkette am Horizont gehört zur Ukraine (Quelle: Benjamin Kaufmann für CONCORDIA Sozialprojekte)

Tudora; die Hügelkette am Horizont gehört zur Ukraine (Quelle: Benjamin Kaufmann für CONCORDIA Sozialprojekte)

Ein kleines Dorf mit großer Gastfreundschaft

Meine Kollegin Veronika Mocan, die Leiterin unseres Zentrums in Tudora, ist im ganzen Ort bekannt. Ständig ruft jemand an, der Hilfe braucht. „Ich konnte viele ukrainische Familien bei 28 Gastfamilien unterbringen“, sagt sie. „Die Hilfsbereitschaft ist groß für so ein kleines Dorf. Die Gastfamilien und Geflüchteten die sie aufgenommen haben, bekommen Unterstützung aus unserem Zentrum. Vier Mütter mit ihren Kindern leben im CONCORDIA-Haus für Geflüchtete. Unsere Mitarbeitenden besuchen sie und die Familien regelmäßig und bringen Lebensmittel, Hygieneartikel und was sie sonst noch brauchen vorbei.“

Viele Dörfer in Moldau geben – wie Tudora – ein trauriges Bild ab. Die meisten Häuser stehen leer, die Mehrheit der Leute, die im arbeitsfähigen Alter sind ins Ausland gegangen – wegen der Armut und weil es hier keine Ausbildungs- und Arbeitsplätze gibt. Zurück bleiben alte Menschen in bescheidenen Behausungen, manchmal werden auch die Enkelkinder bei ihnen gelassen. Viele sind mit steigendem Alter überfordert, sich um die Kleinen zu kümmern. Oft haben sie kein Geld für die einfachsten Dinge, zum Beispiel für Holz zum Heizen.

Als größte Hilfsorganisation im Land betreibt CONCORDIA Zentren in mehr als 50 Gemeinden in ganz Moldau. Und wie in Tudora sind sie oft der Treffpunkt in einem Dorf. Das Projekt in Tudora gibt es seit 2008. Es ist Sozial- und Lernzentrum für die Kinder und zugleich Altenpflegezentrum – und vereinigt damit Alt und Jung unter einem Dach. 14 Seniorinnen und Senioren leben zurzeit hier. Nachmittags kommen Kinder aus armen Familien hierher, sie bringen Leben ins Zentrum, worüber sich alle freuen. Sie erhalten ein warmes Essen, oft die einzige richtige Mahlzeit, die sie am Tag bekommen, und können hier lernen. Mitarbeitende des Zentrums liefern auch täglich ein Mittagessen an ältere Menschen und Familien, die nicht zum Zentrum laufen können.

Onkel“ Fedor hat seine Lebensfreude wiedergefunden

Als ich diese Woche mehrere Stunden im Zentrum in Tudora war, lernte ich Yana und Fedor kennen. Yana (5) ist mit ihrer Mutter und beiden Geschwistern aus Odessa geflohen. Sie liebt es, zu tanzen und sich zu bewegen. Die Familie lebt im CONCORDIA-Haus für Geflüchtete, neben drei weiteren ukrainischen Frauen und ihren Kindern. Das Haus ist zehn Gehminuten vom Multifunktionszentrum entfernt. Mütter und Kinder sind dort herzlich willkommen und verbringen gerne und viel Zeit dort. Zwischen einem älteren Bewohner, „Onkel“ Fedor“, und Yana hat sich eine ganz besondere Freundschaft entwickelt. Yana kurvt mit dem im Rollstuhl sitzenden Senioren durchs Haus, und zwischendurch malt sie ihm jeden Tag mindestens drei Bilder. Wie die meisten Menschen in dieser Region spricht auch Fedor russisch, weshalb sich die beiden verständigen können. „Ich bin froh, dass hier so viele Kinder sind“, sagt er. „Durch sie habe ich meine Lebensfreude wiedergefunden.“ Seine Kinder und Enkel wohnen alle im Ausland, und er ist allein hier in Tudora. Fedor spielt und lacht gerne mit Kindern. Er ist ein lebensfroher Mensch, wenn Mädchen und Jungen um ihn herum sind.

Yana malt "Onkel" Fedor jeden Tag mehrere Bilder (Quelle: Benjamin Kaufmann für CONCORDIA Sozialprojekte)

Yana (5) kam mit ihrer Mutter nach Tudora und kümmert sich um ‚Onkel‘ Fedor

Angst vor dem Krieg im eigenen Land

In Moldau war die Angst, dass der Krieg ins eigene Land überschwappt, anfangs sehr groß. Die Sirenen liefen heiß, und es gab keine Nacht, in der man zur Ruhe kommen konnte. Wie soll man diese Situation Kindern erklären – sowohl den einheimischen wie auch den geflüchteten Mädchen und Jungen aus der Ukraine? Wie viel Leid können sie ertragen zu hören? Wir haben mittlerweile mit Geldern der Kindernothilfe einen Workshop zur Arbeit mit traumatisierten Kindern durchgeführt, viele weitere Schulungen für Mütter, Kinder und unsere Mitarbeitenden vor Ort sind geplant. CONCORDIA ist gerade dabei, eine eigene Abteilung mit psychologischem Fachpersonal aufzubauen. Die Kenntnisse der Kindernothilfe auf diesem Gebiet werden uns sicherlich ein großes Stück weiterhelfen.

Die Republik Moldau

Sie hat 3,3 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner und zählt zu den ärmsten Ländern Europas. Hauptstadt ist Chișinău, sie hat ungefähr eine halbe Million Einwohnerinnen und Einwohner und ist auch gleichzeitig die größte Stadt im Land. Moldau ist in Europa das Land, aus dem die meisten Menschen auswandern, weil es hier nicht genug Ausbildungsplätze und Arbeitsplätze gibt. Vom Staat gibt es auch nur wenig Geld für Familien. Daher gehen viele Menschen ins Ausland. Alte Menschen und Kinder bleiben in großer Armut zurück. Trotzdem hat das Land mit großer Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft Tausende von Geflüchteten aus der Ukraine aufgenommen.