Marc (9) erlebte die Explosion in Beirut mit

Marc erzählt vom Tag der Explosion 

Marc (9) lebt mit seiner Familie in Beirut, der Hauptstadt des Libanon. Am 4. August gab es dort im Hafen eine gewaltige Explosion, die fast die halbe Stadt zerstörte.

Ihr habt die Bilder bestimmt im Fernsehen gesehen. Dabei wurden mehr als 6.000 Menschen verletzt, 300.000 verloren ihr Zuhause, und 190 sind gestorben. Marc hat diesen traurigen Abend miterlebt.

Text: Marc/Katharina Draub, Fotos: Kindernothilfe-Partner ALPHA

„Ich habe im Zimmer meiner Eltern Videospiele gespielt. An dem Tag war es sehr heiß. Deswegen waren alle Fenster geschlossen, und die Klimaanlage war eingeschaltet. Als dann die erste Explosion kam, dachte ich, es sei ein schweres Erdbeben.

Das Gebäude wackelte hin und her. Bei der zweiten Explosion sind alle Fenster zersprungen. Das kaputte Glas lag überall auf dem Boden und dem Bett. Ich fing an zu schreien, weil ich so Angst hatte. Ich wusste nicht, was los war. Meine Mutter und meine beiden ältesten Schwestern haben mich gepackt, und wir sind schnell zu unseren Nachbarn im Erdgeschoss gerannt, um uns zu verstecken. Aber auch in der Wohnung lag überall Glas, die Türen und Möbel waren kaputt. Als mein Vater später am Abend nach Hause kam, sind wir zurück in unsere Wohnung gegangen und haben angefangen aufzuräumen.

Ein paar Nächte konnte ich nicht alleine in meinem Bett schlafen. Ich hatte sehr viel Angst. Ich habe dann bei meinen Eltern geschlafen, bin aber immer wieder aufgewacht, weil ich schlecht geträumt habe. Meine Familie hat sich ein paar Tage später dazu entschieden, ein Haus in einem Dorf in den Bergen zu mieten. Damit ich nicht mehr so viel Angst habe. Die Stimmung in der Stadt war sehr traurig. Seit ich im Dorf bin, geht es mir ein bisschen besser. Ich habe ein paar Narben. Jedes Mal, wenn ich ein lautes Geräusch höre, zittere ich am ganzen Körper und renne zu meinen Eltern.

Ich versuche jeden Tag, mehr und mehr von diesem Tag zu vergessen. Das Leben der Kinder, die ich in Disney-Filmen sehe, scheint viel einfacher zu sein als meins. Vergangenes Jahr haben wir noch im Park gespielt und geschaukelt. Ich vermisse meine Freunde. Ich habe sie lange nicht mehr gesehen. In der Stadt konnte ich mit meinen Freunden immer noch per WhatsApp schreiben. Aber hier ist das Internet sehr schlecht.“

Marc und seine Familie haben die Stadt und ihre beschädigte Wohnung verlassen und sind vorübergehend in ein Dorf in den Bergen gezogen. Dort geht es Marc, der in der Stadt nach der Explosion große Angst hatte, wieder besser.

 

 

Wo kam die Chemikalie her? Warum lagerte sie im Hafen?

Im November 2013 traf ein Schiff aus Georgien im Hafen ein, das auf dem Weg nach Mosambik in Afrika war. Es sollte 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat, eine ganz gefährliche Chemikalie, für eine Sprengstofffabrik dorthin transportieren. In Beirut wollte der Kapitän weitere Waren an Bord nehmen. Das Schiff war aber gar nicht in Ordnung, es gab z. B. ein Leck, durch das Wasser eindrang. Die Behörden im Libanon verboten dem Kapitän, weiterzufahren. Im September 2014 verließen er und seine Besatzung das Schiff. Die gefährliche Chemikalie war immer noch an Bord.

Weil dieses Nitrat explodieren kann, wurde es ins Lagerhaus Nr. 12 im Hafen gebracht. Das Schiff sank am 16. Februar 2018 im Hafen. Die libanesische Zollbehörde warnte die Justizbehörde, dass die Lagerung des Ammoniumnitrats sehr gefährlich sei, und schlug vor, es z. B. an eine libanesische Sprengstofffabrik zu verkaufen oder an das Militär.

Am 4. August 2020, kurz vor 18 Uhr, brach in einem Lagerhaus im Hafen ein Feuer aus. Die genaue Ursache weiß man nicht genau – man vermutet, dass Arbeiten, bei denen auch geschweißt wurde, der Grund waren. Das Feuer breitete sich immer weiter aus. In der Nähe lagerten Feuerwerkskörper, die explodierten und dann wohl auch das Lagerhaus in Brand setzen, in dem das Ammoniumnitrat von dem Schiff aus Georgien lagerte. Es gab eine gewaltige Explosion mit einem riesigen Rauchpilz. Die Erschütterung der Explosion konnte man selbst auf der griechischen Insel Zypern, die 240 km weit entfernt ist, spüren.

 

Der Libanon

Die Explosion geschah während der Corona-Pandemie, von der auch im Libanon viele Menschen betroffen sind. Die Krankenhäuser hatten kaum Platz für alle Kranken. In Beirut wurden viele Kliniken durch die Explosion beschädigt oder zerstört. Außerdem herrscht im Land schon lange eine Wirtschafts- und Finanzkrise, das heißt, die Preise, zum Beispiel von Lebensmitteln, steigen immer weiter. Gleichzeitig verliert die Währung des Landes, das libanesischer Pfund, immer mehr von seinem Wert. Die Menschen bekommen also für ihr Geld viel weniger als vor der Krise. Und jetzt noch diese verheerende Katastrophe im Hafen, die großes Leid über viele Familien gebracht hat. Viele Menschen gaben der Regierung die Schuld daran, deshalb sind sie auf die Straße gegangen und haben gegen sie protestiert. Mit Erfolg: Am 10. August trat die Regierung zurück!