Mein Tag: Tafari (12) arbeitet auf dem Feld (Äthiopien)

Tafari trägt ein dickes Bündel Getreide auf dem Kopf. (Quelle: Christian Herrmanny)Hallo, ich bin Tafari. Ich wohne seit Monaten nicht mehr bei meiner Familie, sondern bei einem Farmer in der Nähe der Stadt Debre Markos. Meine Eltern haben mich für ein Jahr an den Mann vermietet, weil sie arm sind und nicht mehr für mich sorgen können.

Tafari hütet Kühe. (Quelle: Christian Herrmanny)Von montags bis samstags arbeite ich auf dem Feld; sonntags muss ich die Kühe hüten. Ich bin 12 Jahre alt und müsste eigentlich in die Schule gehen – aber dafür habe ich keine Zeit. Ich bekomme kein Geld für die Schufterei: Der Farmer zahlt meinen Eltern nach einem Jahr 100 kg Teff-Getreide und 50 kg Weizen. Meine Familie und meine Freunde wohnen einen Fußmarsch von mehreren Stunden entfernt. Deshalb hab ich überhaupt keinen Kontakt mehr zu ihnen. Ich habe oft Heimweh…

Injera, eine Art Fladenbrot. (Quelle: Christian Herrmanny)Nach Sonnenaufgang
Sobald es draußen hell wird, stehe ich auf. In Äthiopien essen Erwachsene selten gemeinsam mit Kindern, deshalb frühstücke ich allein. Es gibt jeden Tag Injera, eine Art Fladen, der aus Teff-Körnern gebacken wird.

 

 

Jungen arbeiten tief gebückt auf einem Getreidefeld. (Quelle: Christian Herrmanny)Vormittags
Nach dem Frühstück gehe ich mit dem Farmer aufs Feld. Je nach Jahreszeit pflügen wir oder säen den Weizen-Samen aus oder passen auf, dass Vögel die Samenkörner nicht wegpicken. Zurzeit ist November, da mähen wir das Getreide mit einer Sichel – das ist sehr anstrengend, weil man sich die ganze Zeit bücken muss. Ich habe ständig Schmerzen im Rücken und in den Armen. Nach dem Mähen schleppe ich stundenlang schwere Weizenbündel vom Feld zum Dreschplatz.

Mittags
Puuuuh, ich bin schon ziemlich erledigt von der anstrengenden Arbeit. Wir legen eine kurze Pause ein, um etwas Injera zu essen. Lange ausruhen können wir nicht, denn die gesamte Ernte muss geschafft sein, solange es trocken ist.

Tafari arbeitet mit ein paar Ochsen auf einem Dreschplatz. (Quelle: Christian Herrmanny)Nachmittags
Jetzt wird der Weizen gedroschen. Ich habe gehört, dafür gibt es Maschinen, aber der Farmer hat keine. Ich muss dafür sorgen, dass ein paar Kühe stundenlang im Kreis auf den Getreidehalmen herumtraben. Dadurch lösen sich die Körner von den Halmen. Nach einigen Stunden werden die Halme ausgeschüttelt, dabei fallen die Körner heraus. Die Farmersfrau wird sie später zu Mehl mahlen, das Stroh wird kleingehackt.

Tafari schläft auf dem Boden unter einem Tierfell. (Quelle: Christian Herrmanny)Abends
Ein anstrengender Arbeitstag geht zu Ende. Zum Abendessen gibt es wieder Injera, diesmal mit einer scharfen Soße. Sobald es dunkel wird, gehe ich schlafen; ich bin todmüde. Der Farmer hat kein Bett für mich – ich lege mich auf den Boden auf ein Kuhfell. Mit einem weiteren Fell decke ich mich zu. Der Farmer und seine Frau schlafen im gleichen Raum auf einem Holzbettgestell. Es wäre schön, wenn ich von meiner Familie träumen würde. Und morgen geht es wieder weiter mit der Arbeit – und übermorgen – und überübermorgen…